2010-11-05

Glaube vor den Mauern

亦武風 - 歸去來兮?(中文版)
re Liao Yiwu li Wolf Biermann (Bild: DW)

Er sagte

es ist wie ein Traum – aus seiner subjektiven Empfindung heraus
In Wirklichkeit war es wie ein Traum - der Wirbelwind fegte durchs Land.


Menschen, die in diesem Traum lebten
müssten mitgekriegt haben
dass er die deutschen Medien erobert hatte
müssten das Gefühl gehabt haben,
dass er Spuren im Herzen des deutschen Volks hinterlassen hatte
„Er ist wie die frische Luft im Gegenwind“ so beschrieb ihn der Tagesspiel.


Mit „Glaube vor den Mauern“ am 30. Oktober verabschiedete sich Liao Yiwu vom Westen. Der chinesische Schriftsteller und Musiker trat mit dem deutschen Schriftsteller und Liedermacher Wolf Biermann auf. Die Veranstaltung war Lesung und Konzert zugleich und fand im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin statt.



Die Volksrepublik China inhaftierte Liao Yiwu wegen seiner regimekritischen Schriften. Er schlug sich später als Musiker in den Straßen von Chengdu durch. Sein Buch Interviews with People from the Bottom Rung of Society (Fräulein Hallo und der Bauernkaiser) dokumentiert das Dasein am unteren Ende der chinesischen Gesellschaft. Es machte ihn international bekannt.


Der berühmte deutsche Dichter und Texter Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren. Als 17-jähriger Abiturient war er nach Ostdeutschland ausgewandert. In Ost-Berlin studierte er an der Humboldt Universität. Während des Kalten Krieges lud ihn die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1976 zu einem Konzert in Köln ein, wo er öffentlich die DDR-Regierung kritisierte. Dies führte dazu, dass er wegen "grober Verletzung der ostdeutschen Bürgerpflicht" als Vorwand ausgebürgert wurde. Seitdem nahm Biermann den Weg der Reaktionären und bekam die Solidarität und Unterstützung von den DDR-Literatur- und Kunstkreisen.


Tatsächlich ähnelt sich der Hintergrund Biermanns mit dem Liaos: es bleibt den von der Politik verfolgten Künstlern nur der Ausweg der Reaktionären. Aber am Abend den 30. Oktober erschienen völlig verschiedene Stil zweier Reaktionäre.


Biermann wurde während des Kalten Krieges von der Bundesrepublik Deutschland als ein "anti-kommunistischen Kämpfer" etikettiert. Auch wenn der Kalte Krieg seit 20 Jahren vergangen ist, zeigte er die gleiche Geste. Biermann hat von ganzem Herzen eine "Kalte Kriegs-Stimmung" inszeniert. Dabei konnte er weder die Ostalgie, noch die Freiheitssymbole der Bundesrepublik Deutschland und auch keine ganzheitliche deutsche Kulturidentität vermitteln. Bedauerlicherweise verpasste er auch die Chance sich mit dem Dichter aus Sichuan auszutauschen, wie sich Kunst und Musik in ihren jeweiligen Gefühlsleben verkörperten. Zwischen den Fragen und Antworten verdünnt sich die übermächtige Aggression durch Liao Yiwus wohlfühlende Weisheit.


Allein die Sitzordnung auf der Bühne verkörperte schon eine natürliche Barriere zwischen dem Osten und dem Westen: Biermann saß abseits von den anderen auf der linken Seite der Bühne und sang die berühmten Lieder aus den 70er Jahren. Die männliche Stimme von Liaos Gedichtbänden, sowie die Dolmetscherin Martin-Liao Tianqi, und Liao Yiwu selbst saßen auf der rechten Seite der Bühne.


Was die Zuschauer wirklich bewegte, war die Ausstrahlung der freien Emotionen und die Schönheit der Trauer, die der Dichter Liao Yiwu präsentierte. Wie die Deutsche Welle in einem Pressartikel berichtete:


【Am 30. Oktober abends 19:30, mehr als 400 Zuschauer waren in dem Berlin Babylon Kino voll verpackt. Sie erwarteten ein Konzert mit Liao und Biermann. Darunter waren der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler und die Siegerin des Nobelpreises für Literatur Hertha Müller.


Mit dem Lied "Der gequälte Fluss" als Titelsong zog Liao den Prolog auf: "Wer weiß, wie viele Biegungen der Gelbe Fluss...“ Die traurige Stimme mit dem Sichuan Akzent brachte den Zuschauer prompt zurück zu den späten 80er. Damals war China ein Land, das sich ändern wollte und das die Empörung überall spürte. Schließlich wurde alles unter vorgehaltener Waffe verstummt.


Liaos konzentrierte sich mit all seinen Gefühlen und seiner Energie in die Musik, ob es um das chinesische Gulag "Tarim Fluss" ging, oder die Darstellung der Lage in der Todeszelle, "Zum Tode Verurteilte sprechen über den Tod". Manchmal schrillend und manchmal leise sang Liao Yiwu mit der tibetischen Gebetsschale, Flöte, und sogar einem chinesischen Abakus. Stück für Stück wurde die soziale Unbeständigkeit der menschlichen Beziehungen in China zum Ausdruck gebracht.


"Das Leben als Underdog
Ist noch schlimmer wie ein Hund
Bruder wende Deinen Rücken nicht zurück
Verlasse Dein Heim
Suche nach Freiheit
Gibt es die Freiheit? "


li ehemaliger Bundespräsiden Köhler,
li2 Wolf Biermann, re2 Liao Yiwu
„Gibt es die Freiheit? " In der letzten Nacht in Deutschland verließ Liao die Zuschauer mit einem Fragezeichen. Er hat eindeutig die Menschen zutiefst beeindruckt, die die gleiche Verwirrung erlebt haben. Herta Müller im Publikum brach in Tränen aus. Auch sie hatte unter einer totalitären Herrschaft gelebt. Der ehemalige deutsche Bundespräsident, Horst Köhler, setzte mit seinem Kommentar seine Hoffnung in die Zukunft "Liao hat uns eine Botschaft vermittelt: die Menschen suchen und kämpfen unermüdlich für die Freiheit.】


Der Abschied steht bevor. Liao Yiwu bewegte sich am Flughafen Tegel in der Schlange nach vorne zur Passkontrolle. Er drehte sich immer wieder um und seine suchenden Blicke begegneten den unseren. Schließlich kamen uns die Tränen - nicht aus Melancholie, sondern in unendlich tiefer Erwartung!