2010-11-22

Wer ist der Verlierer? Wer ist der Sieger? 誰是失敗者?誰是勝利者?

Frau Tien-Chi Martin-Liao Vertretung für Liu Xiaobo zur Nobelpreisverleihung am 10.12.2010
In einem Radiointerview vom Deutschlandfunk am 5.12.2010 hat Tien-Chi Martin-Liao über das Ausreiseverbot, das gegenwärtige Regime in China sowie die Sinologen in Deutschland gesprochen:

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2010/12/05/dlf_20101205_1705_d2c15c9a.mp3

Was für eine Schande und keine Überraschung?! Liu Xiaobo darf nicht aus dem Gefängnis kommen, um den erstmalig an einen Chinesen gegangenen Nobelpreis für Frieden persönlich entgegenzunehmen!



Was für eine Freude und große Überraschung?! Die Vertretung zur Nobelpreisverleihung ist Frau Tien-chi Liao-Martin, eine gebürtige Taiwanesin. Sie kämpft unermüdlich seit den letzten 20 Jahren für die Menschenrechte.


Jawohl! So soll es sein! So muss es sein! Eine Taiwanesin nimmt diesen ehrenwürdigen Preis entgegen, der ein historischer Beweis für den Kampf für die Menschrechte der Chinesen ist.

Ein Artikel in YZZK (Asia Newsweek Hong Kong Erscheinungsdatum 14.11.2010) " Wer ist der Verlierer? Wer ist der Sieger" (chinesische Version) bietet die tiefen Einblicke zwischen den beiden Seiten der Taiwanstraße.

Wer ist der Verlierer? Wer ist der Sieger?



- Ein Brief vom Nachkommen des Siegers an einen Nachkommen des Verlierers - Lu Yuegang (盧躍剛)


(Anmerkung der Redaktion YZZK(Asia Newsweek亞洲周刊) 14.11.2010: Herr Lu Yuegang (盧躍剛) ist ein bekannter Reporter. Es handelt sich um seinen Brief vor einem Jahr an die taiwanesische Schriftstellerin Lung Ying-tai(龍應台). Dieser Brief bietet einen tiefen Einblick in den Beziehungen über die Taiwanstraße. Dieser Brief wird erstmalig veröffentlicht.)


Ying-tai(應台):



Schriftstellerin: Lung Ying-Tai
 Es war jener Dezember in Hongkong, als wir einen Ausflug machten. Auf der Fähre nach Tung Ping Chau (東平洲)sahen Sie sehr besorgt aus. Sie sagten, dass Sie ein Buch über das Jahr 1949 schreiben wollten, um an das Elend des Schicksals zwischen den beiden Völkern über der Taiwanstraße zu erinnern. Ich erwiderte, es sei ein gutes Thema. Die Geschichte des chinesischen Volks ist verformt, es ist sehr schwer und man sollte sich besinnen. Die Zeit vergeht sehr schnell. Nachdem ich das Buch "Großer Ozean Große Meer 1949(大江大海一九四九)" (im folgendem Text als "1949" genannt) zu Ende las, lag der Dialog zwischen uns zwei Jahre zurück.


"Salute an die Verlierer!"


"Salute an all die Menschen, die von dieser Ära beschädigt, beleidigt und verletzt worden waren!"


Mit diesen zwei Sätzen wollen Sie den historischen Blick des Gewinners und des Verlierers beenden. Sie wollen außerdem durch dieses Buch das Jahr 1949 mit einem mitfühlenden humanistischen Blicken bewerten, in dem unzählige Seelen und Familien gedemütigt wurden. Dieses Buch soll Trost spenden – wie ein leiser Seufzer: Ach, es gibt Menschen, die noch über uns und über diese Dinge nachdenken.


Sie seufzen leise: "Der Groll wurde in den dunstigen Bäumen hinterlassen, mit den heutigen Blick auf die Nationen von Zhou Qi Qin han Chu(至今遺恨迷煙樹,列國周齊秦漢楚). Der Sieg ist in die Erde getaucht; ebenfalls ist der Misserfolg!", "Die Trauer war überall, wo die Qin und Han Armee durchgekommen waren, zehntausende Schlösser wurden zur Arsche(傷心秦漢經行處,宮闕萬間都作了土). Unter dem Aufstieg einer Nation müssen die Menschen leiden, unter dem Abstieg einer Nation ebenfalls!"


Aber das ist nicht alles. Sie rufen das Festland im Namen eines Nachkömmlings der Verlierer dazu auf, dass die Regierung im Festland zur Besinnung kommen möge: Zum 60. Nationaltag des eroberten Festlands sollte man sich bei den Bürgern entschuldigen, die im Bürgerkrieg beschädigt, gedemütigt, verletzt worden waren. Damit der Hass und die Risse beseitigt werden können, müssen ein gesunder Geist und die Dialogbereitschaft zwischen den beiden Völkern der Taiwanstraße aufgebaut werden.


Eine Entschuldigung der Mächtigen bedarf einer Reue, einer Reflektion und gleichfalls einer Verantwortung. Das ist mehr als die Eroberung der politischen Macht. Für ein Regime, das "dem Volk dient", das auf den Aufbau einer harmonischen Gesellschaft schwört, ist die Forderung auf eine Entschuldigung nicht zu viel. Im Namen der Millionen unschuldig umgekommener Menschenvor und nach der großen Tragödie der nationalen Spaltung ist die Forderung nach einer Entschuldigung eher bescheiden. 60 Jahre sind vergangen, sichtbar sind die Unterschiede zwischen den beiden Seiten der Taiwanstraße. Es sind einige Lebenszyklen hinter uns geblieben. Es ist sehr lange her. Auf eine "Entschuldigung", wie lange wollen wir noch darauf warten?


In einem stillen Tal hört man glücklicherweise die Schritte aus Taiwan. Am Nachmittag des 30. Oktober 2005 auf dem Platz Ma-cho-Ting(馬場町)verbeugte sich der KMT Vorsitzende Ma Ying-jeou(馬英九)vor den in den 50er Jahren getöteten Kommunisten und deren Familienangehörigen in Taiwan. Dabei sagte er, obwohl er während des "weißen Terrors" noch ein Kind war, müsse er jetzt als Vorsitzender der KMT-Partei die Verantwortung auch für die Vergangenheit übernehmen. Er ist der erste Vorsitzende der KMT-Partei, der eine förmliche Entschuldigung für die Ereignisse des "weißen Terrors" geleistet hat.


In diesem Jahr waren wir in Hong Kong und haben zufällig die Zeitschrift „Asia Newsweek“ gelesen. In der Titelgeschichte wurde über die Entschuldigung von Ma Ying-jeou (馬英九)berichtet. Nachdem ich den Artikel von Xu Zongmao(徐宗懋)gelesen habe, habe ich erst erfahren, dass es einer langen Entwicklung für diese förmliche Entschuldigung bedurfte. Als Sie das Taipei City Culture Bureau leiteten, haben Sie das große politische Risiko auf sich genommen und eine Ausstellung in der „228 Memorial Hall in Taipei“ veranstaltet. In dieser Ausstellung wurden die historischen Bilder und Aufnahmen über die Erschießungsszene auf dem Platz Ma-cho-Ting(馬場町)ausgestellt. Sie wurden daraufhin als "Mitläufer der kommunistischen Partei" denunziert.


Auf dem Platz Ma-cho-Ting(馬場町)wurden vor allem die sogenannten "kommunistischen Banditen" erschossen – vermutete Mitglieder der chinesischen kommunistischen Partei. Wir bedauern die Vergangenheit sehr, preisen aber Ma Ying-jeou (馬英九)und würden uns freuen, wenn die chinesische KP der KMT-Partei folgen würde. Wir hoffen, dass die durch die KP verletzten und gedemütigten Menschen während des Bürgerkriegs und nach der Gründung der VR China auch eine förmliche Entschuldigung und eine Verbeugung erleben würden.


Unter den Chinesen heißt es, es sei nicht zu erwarten, dass die KP plötzlich eine bescheidende Haltung zeigen würde, ihre Parteilinie korrigieren würde und eine Entschuldigung aus moralischer Demut aussprechen würde. Man müsse der KP Schritt für Schritt zuerst ein Zeichen geben und gute Willen zeigen. Dann könne man die KP die ethischen Grundsätze lehren und mit ihr die gemeinsamen Erkenntnisse erzielen. Chan Yuen-ying(陳婉瑩)und Qian Gang (錢剛)lud uns zum Essen ein. Für Ihre Bemühungen um Aufklärung der KMT-Parteikultur und um Anpassung der politischen wie auch kulturellen Ideologien Taiwans, brachten Ich und Li Datong(李大同)unseren Respekt zum Ausdruck. Wir baten Sie um einen Essay zu dieser Thematik. Kurz später erschien Ihr Artikel unter dem Titel "die 3-malige Verbeugung eines Präsidenten“ in der Zeitschrift „Der Gefrierpunkt (Bing-Dian 冰點)“.


In diesem Artikel zeigten Sie freundlich und sehr taktvoll zugleich die Absicht: „Schau, wie die KMT es macht, ist die KP in der Lage daraus zu lernen?“ Schnell sind wieder 4 Jahre vergangen. Wir haben wieder einmal umsonst gewartet. Deshalb haben Sie zum Zeitpunkt des 60. Jahrestags der KP-Gründung einen Aufruf an die KP gerichtet. Und was für eine Antwort haben Sie bekommen? Geblieben sind immer noch die Arroganz, der blinde Stolz, die Oberflächlichkeit und das Banditenverhalten des Siegers. Ihr Buch steht unter dem Veröffentlichungsverbot. Ihre Stimme wurde aus dem Festland verbannt, und Ihr Name "Lunge Ying-tai(龍應台)" wird wie ein Feind betrachtet. Das habe ich erwartet.


Sie müssen nur auf die Zeichen des großen Plakates vor dem Xinhua-Tor Zhongnanhais in Peking schauen, dann verstehen Sie, warum die Geister und die Gespenster vor 60 Jahren und in den 60 Jahren danach keine "Entschuldigung" hören können. Wie können Sie erwarten, dass sich ein Machthaber namens Wei Guangzheng „Wei-da=großartig, Guang-rong=ehrenwürdig, Zheng-que=korrekt“, welcher „zehntausende Jahre“ Lebensdauer genießen sollte, entschuldigt? Was sind die psychologischen Grundlagen für eine „Entschuldigung“? Es sind die Demut, Ehrfurcht, Toleranz und das Selbstvertrauen. Gibt es diese vier psychologischen Qualitäten unter dem chinesischen Volk auf dem Festland? Würden sie es geben, dann hätte es das extravagante und verschwenderische Feuerwerk auf dem Platz des Himmlischen Friedens zum 60. Jahrestag der KP-Gründung nicht gegeben, um lediglich das gemeinsame Lachen künstlich herzustellen.


Die beiden Parteien sind eine Familie. Es sind zwei Brüder, die in einer Reihenfolge geboren wurden. Die KMT-Partei ist der große Bruder und die KP der kleine. Dr. Sun Yat-sen(孫中山)rief das neue China auf zur "Allianz mit Russland, Toleranz mit den Kommunisten, Unterstützung der Arbeiter und Bauern". Unter dem Druck des dritten Internationalen trat die KP in die KMT-Partei. Selbst Mao Zedong leitete damals die Propagandaabteilung der Kuomintang Zentrale. Ich sage es oft, verglichen mit Hongkong, können sich die Festlandschinesen mit den Taiwanesen besser verstehen. Die Taiwanesen können sich leichter in die Gesellschaft des Festlands integrieren. Die politischen Kulturen über die „Cross-Strait“ widerspiegeln sich und die politischen Mentalitäten sind von derselben Struktur.


Als ich in Ihrem Buch "1949" las, dass Ihre Großmutter in den 20er Jahren in die KP eintrat und Ihren Vater zur Maos Rede mitnahm, musste ich lachen. Fast hätten wir am gleichen Banquettisch zum Fest des Siegers als die roten Nachkömmlinge zusammensitzen können. Ihre Großmutter wäre eine alte Revolutionärin geworden, hätte Glück gehabt, weiter am Leben zu bleiben, wäre in die Stadt Peking einmarschiert. Sie hätte vielleicht auch eine Leiterin der chinesischen Frauenallianz werden können und wäre zu Festlichkeiten mit auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit großem Ehren eingeladen worden.


Die Menschen teilen die gleichen Gefühle. Dass Ihr Vater oft seine Strohschuhe an das Herz nahm und dabei weinte, kann ich recht gut verstehen. In einer verschneiten Winternacht 1935 (die Einheimischen nennen das 24. Jahr der Republik), fertigte mein Großvater zwei Paar Strohschuhe über Nacht, die er meinem Vater für den Rückzug der Roten Armee am nächsten Tag gab. Die örtlichen Bauern nannten sie nicht "Rote Armee", sondern "die alte schwarze Nummer zwei“ gleich bedeutend mit „Banditen“. Der Unterschied war, dass die Rote Armee überall Plakate hinließen und dass sie die roten Schriftzeichen auf alle Steine meißelten. Auf dem ganzen Weg des Rückzugs wurde die politische Propaganda aktiv betrieben.


Mein Onkel war der älteste Sohn der Familie. Als meine Tante ein Kind gebar, musste mein Vater als Ersatz für meinen Onkel der Roten Armee folgen. Eigentlich war der Wehrdienst erzwungen. Mein Vater war damals gerade fünfzehn Jahre alt. Bevor mein Vater starb, hinterließ er in seinem Testament, dass man seine Asche mit zurück in die Heimat nehmen möge. Die Geschichte verursachte die seltsamen Kombination von Umständen: der großer Bruder wurde ein Bauer, der kleiner Bruder wurde ein General. Eigentlich hätte ein anderes Bild entstehen müssen.


Mein Vater erzählte die Geschichte des Langen Marsch so, dass er über die schneebedeckten Berge klettern und über endlose Heide überqueren musste. Es war anders als in vielen anderen Geschichten. Der Yak, um das er sich kümmern sollte, wurde gestohlen, geschlachtet und gegessen. Den Sack, den das Vieh tragen sollte, trug er dann selbst. Seine Kameraden hatten seinen Beutel mit den gebratenen Nudeln weggenommen. So musste er hungernd den restlichen Weg zu Ende laufen. Der sogenannte "Lange Marsch" war eigentlich nur eine Flucht. Die wahre Interpretation des "Langen Marschs" ist nicht "das revolutionäre Ideal, das noch höhe als der Himmel ist", sondern das grausame Gesetz zum Überleben.


Der Unterschied zwischen den beiden Brüdern (die KMT und KP) nach dem Historiker Herrn Tang Degang (唐德剛)lautet, Mao Zedong (KP 毛澤東) sei brutaler als Tschiang Kai-schek (KMT 蔣介石) in der Sache der Machteroberung. Sonst hätte die KP das Umbringen unter dem eigenen chinesischen Volk nicht als eine großartige Errungenschaft betrachtet. Sonst hätte die KP die Schlacht in Changchun(長春)nicht so oft mit großer Freude gepriesen. In dieser Schlacht starben und verhungerten etwa 300.000 Menschen (eine konservative Schätzung nach dem Buch "1949"), eine Anzahl von Toten, die gleichbedeutend mit der vom Nanjing-Massaker ist.


Jeder Chinese unserer Zeit kennt die 3 Kriege jeweils in Liaoshen(遼瀋), Pingjin(平津), Huaihai (淮海)in- und auswendig. Am Ende der Kulturrevolution wurden hauptsächlich über die drei großen politischen Schlachten in der Grundschule unterrichtet. Wir haben gelernt, dass die "großen Befreier", "großartigen Retter" selbstverständlich die Leichen der KMT-Soldaten in Trümmern hinterließen. Wir haben auch gelernt, dass die Legitimitätsbasis der KP auf den Knochen der Offiziere und Soldaten beider Parteien und aus Blut und Tränen von Millionen von Bauern aufgebaut wurde.


Der Verlierer zog nach Taiwan, leckte reflektierend seine Wunden und gab sich neuen Mut zur Heilung. Der Sieger verhielt sich in der Tat seltsam. In der chinesischen Geschichte nach einem Regimewechsel hielten die Sieger meistens die Steuern niedrig und den landwirtschaftlichen Organisationen Belohnung und ließen die Bürger in Ruhe zur Erholung. Die KP führte im Gegenteil eine strikte Klassifizierung im Einklang mit der revolutionären familiären Herkunft durch. Diese lautete "Landbesitzer, reiche Bauer, Anti-Revolutionäre, Schlechte Elemente, Rechts-Denkende". Die 5 Klassen von Menschen sowie ihre Familien umfassten Millionen von Menschen, die damit verdammt wurden. Die Diktatur des Proletariats war auf dem Weg. Zunächst waren die Landwirte zu verdammen, die KP zertrampelte ihr Gesetz und ihr Versprechen mit den eigenen Füßen. Nach dem durch die Revolutionsergebnisse errungenen "Landrecht" wurde eine zweite Bodenreform durchgeführt. Somit kollektivierten, verstaatlichten und verwandelten sie allen Grund und Boden in Parteieigentum. Die Bauern, die die KP zur Macht verhalfen, wurden Sklaven. Danach richtete sich der Pfeil der KP auf die Intellektuellen, weiter auf die demokratischen Parteien, auf die Kaufleute und schließlich auf ihre eigene Reihe und auf die Rechten: Gehirnwäsche, Erziehungscamp, Diktatur.


Folgerichtig waren die endlosen Machtkämpfe innerhalb der Partei sowie die anhaltenden politischen Bewegungen. Eine Katastrophe nach der anderen fiel auf unserem Volk. Hierzu möchte ich einen großartigen chinesischen Dichter, namens Mou Yizhi(牟宜之1909-1975) aus dem 20. Jahrhundert zitieren. Mit tiefem Mitgefühl verfolgte er die epische Dichtungstradition Du Fus(杜甫). In jenem tiefen Herbst 1971 nach dem Lin Biao(林彪)-Vorfall schrieb er das Gedicht unter dem Titel „Ein Gedicht zur Erinnerung an die Geschichte(詠史之一)“ (die Sammlung von Gedichten, "Poem of Yizhi Mou(牟宜之詩)", 2009 veröffentlicht in China). In dem er protestierte:“ Die Allmächtigen schlachten sich gegenseitig wie Schakale und Tiger, die Bürger ackern tagtäglich beugend wie Vieh und Pferde.(權貴廝殺如豺虎,百姓躬耕似馬牛)"


Ich denke, dass seine Poesie genau diese Zeit von Geschichte betrifft, nachdem die kommunistische Revolution an die Macht in der Volksrepublik China kam. Seine Gedichte verdienen die Bezeichnung als "einen Reim der historischen Aufzeichnungen". Die Kommunistische Revolution ist die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts für die Menschheit. Jede Seite der kommunistischen Revolution ist mit mörderischer Feindseligkeit gefüllt.


Wie viele Menschen starben im Bürgerkrieg? Diese Frage legen wir erstmals zur Seite. Kein Krieg wird geführt ohne Blut. Wir müssen uns fragen, wie viele Menschen auf eine unberechtigte Art und Weise in Zeiten des Friedens (nach der Gründung der KP) gestorben sind? Ab dem Zeitpunkt der Bodenreform, über die Kulturrevolution bis hin zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Allein die "drei Jahre Hungersnot" - nein, die "Fünf-Jahres-Hungersnot!" Laut der Veröffentlichung von Aufzeichnungen und Forschungen begann bereits im Jahr 1958 in den Provinzen Yunnan (雲南)und Henan (河南)flächendeckend die Hungersnot. Viele Menschen sind den Hungertod gestorben. 1961 wurde selbst der "große Speisesaal" abgeschafft, weil der große Speisesaal angeblich „das Herz der Volkskommunen„ gewesen sei – laut dem damaligen Machthaber Li Jingquan(李井泉)in Sichuan(四川).Li kannte Maos Haltung und hielt an der Schließung fest bis zur großen Hungernot im Frühling 1962. Liao Bokang(廖伯康), der ehemalige Vorsitzende der KP der Provinz Sichuan(四川), veröffentlichte schließlich seine Memoiren. In den schrieb er, dass während dieser Zeit der Großen Hungersnot mindestens zehn Millionen Menschen allein in der Provinz Sichuan(四川)verhungerten. Meine Forschung unterstützt seine Schlussfolgerungen. Vor der großen Hungersnot gab es in Sichuan(四川)70 Millionen Menschen Also ein Siebtel waren verhungert!


"Die weißen Knochen liegen frei auf der Heide, die Stille füllte Tausende von Meilen ohne Krähen.(白骨露於野,千里無雞鳴)"In China gibt es das Phänomen des Kannibalismus“, sodass der Staatspräsident Liu Shaoqi (劉少奇)Mao Zedong (毛澤東)persönlich darüber berichten musste. Er sagte, dass der Menschenfressen-Vorfall nicht unbeachtet bleiben durfte. Er sagte auch, dass er keine Schwierigkeit mit dem Satz "Kulturrevolution ist eine Katastrophe“ habe, aber die wirkliche Katastrophe sei ja die Hungersnot für die Menschen ganz unten! Nur, die verhungerten 40 Millionen von Menschen waren überwiegend die Bauern. Sie sind die schwächsten Teile der Gesellschaft. Bis heute werden sie beschädigt und regelrecht beraubt. Für sie gibt es keinen Sprecher, der sich für sie einsetzt. Die Fünf-Jahre-Hungersnot kostete mehr als 40 Millionen unschuldige Menschenleben. Ist eine Entschuldigung nicht angemessen?


Ying-Tai(應台),vorhin erwähnte ich vier Prämissen zur Bereitschaft einer Entschuldigung. Ich möchte eins noch hinzufügen, dass es eine richtige Einstellung zur Geschichte benötigt. Dazu, muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen.


Es müsste das Jahr 1999 gewesen sein, an jenem Tag, ging ich zum Redaktionsbüro. Zwei Redakteure prüften gerade ein Manuskript. Sie sahen mich kommen, bedeckten alle Autornamen unterhalb der gestrichelten Linie, ließen mich nur die ausgewählten Titel des Artikels lesen. Ich wählte Überschriften und las wie folgt:

* "Der Nachteil in China ist es, dass es keine Demokratie gibt. Man sollte in allen Bereichen die Demokratie umsetzen.",

* "Ohne Demokratie ist alles nur Augenwischerei",

* "Ein Land, dessen Bürger über ein echtes Mitspracherecht verfügen, ist es eine wahre Republik ",

*"Nur wenn die Freiheit der Menschen gewährleistet ist, gibt es eine nationale Freiheit ",

*"Wir haben keine Angst vor der Demokratie aus den Vereinigten Staaten, wir begrüßen es",

*„Die Zeitungen sollen die Diktatoren tilgen, die die Redefreiheit der Bürger verbieten und die die Bürger mit den falschen Innformationen täuschen wollen",

*"Die Freiheit des akademischen Denkens",

*"Das Veröffentlichungsrecht soll die Garantie auf den Schutz für die zivilen Veröffentlichungen sein",

*" Eine Rede über die Freiheit und die Demokratie ",

*"Bloß weil das kulturelle Niveau der Menschen niedrig ist, darf man einen Volksentscheid verbieten?",

*"Die Schulen sollen die Bastion der Demokratie sein",

*"Gewährleistung des wirksamen Schutzes über das Völkerrecht",

*"Nur wenn die Bürger die Regierung überwachen, funktioniert eine Regierung",

*"Ende mit der Herrschaft des Ein-Partei-Systems, dann hat die Demokratie überhaupt eine Chance",

*"In einer Diktatur ist die Katastrophe überall vorprogrammiert".


Schreiend rief ich aus: „Wollt Ihr alle sterben?!Die sind ja die Artikel von den radikalen Rechten!“ Meine Kollegen lachten etwas überheblich, so dass ich plötzlich Angst bekam. Schließlich zeigten sie mir die Autorennamen. Da las ich die Namen wie zum Beispiel Mao Zedong(毛澤東), Zhou Enlai(周恩來), Liu Dingyi(陸定一)! Es waren die Leitartikel in den Zeitungen "Liberation Daily " oder "Xinhua Daily "! Ich war zuerst schockiert und dann konnte ich nur mit lachen. Danach versanken wir alle in einer Stille der großen Trauer.


Das Versprechen der Freiheit, der Demokratie, einer auf der Verfassung basierten Regierung, des Mehrparteiensystems, der Mehrparteienkooperation und der Verstaatlichung des Militärs, nicht zuletzt das Versprechen "Land den Bauern", endlich kamen sie nach all den Versprechungen an die Macht. Und? Vom 1949 bis 2009 sind 60 Jahre vergangen, ist keine Versprechung von den kommunistischen Herrschern eingelöst worden.


Die KP weiß es genau, wie hoch der Wert der Forderung nach Freiheit und Demokratie während eines Machteroberungsprozesses ist. Sie wissen es ebenfalls genau, dass die Freiheit und die Demokratie die Basis eines totalitären Regimes umstoßen und dass die Freiheit und die Demokratie die tötende Kraft einer Diktatur besitzen. Deshalb nach der Machtübernahme wollten sie nichts über die von sich aufgerufenen Werte wissen und betrachten die Freiheit und die Demokratie andernfalls wie ein Dreck.


Dieses Buch heißt "Die Stimmen der Geschichte - das feierliche Bekenntnis vor einem halben Jahrhundert(歷史的先聲 – 半個世紀前的莊嚴承諾)" herausgegeben von Xiao Shu (笑蜀). Später wurde die Veröffentlichung des Buches verboten. Sie wollten die Bürger nicht wissen lassen oder selber nicht anerkennen, dass ihre ursprünglichen Versprechen Schwarz auf Weiß auf Papier standen. Ein gesunder Menschenverstand würde dieses Verbot als Betrug verstehen. Deshalb haben wir allen Grund zu behaupten, dass die feierlichen Versprechen der Demokratie, der Freiheit, der Verfassung, der Herausgabe dieses Buchs "Die Stimmen der Geschichte“ sowie das Verbot ein grausamer Scherz für das chinesische Volk im letzen Jahrhundert waren.


Noch ein weiteres Beispiel aus der jüngsten Zeit. Herr Yang Kuisong(楊奎松), ein Historiker hat ein Buch mit dem Titel "Das Bündnis mit der KP und Der Anti-Kommunismus der KMT – Die Geschichte der Chinesischen Nationalistischen Partei(國民黨的聯共與反共 – 中國國民黨史)" im vergangenen Jahr veröffentlicht. Es handelt sich um eine wissenschaftlich sehr gewissenhafte akademische Monographie. Wenn man aber die Zeilen des Buchs gewissenhaft liest, erscheinen viele unangebrachte Adverbien und Adjektive, die wie die „Schmeißfliegen“ zwischen den Zeilen herum fliegen. Die Sprachfehler drücken in klarem Text die politischen Tendenzen und die Wertvorlieben des Autors oder des Herausgebers aus. Vor allem zeigen die Fehler als solche ein sehr niedriges Niveau von Intellektualität. Herr Yang Kuisong(楊奎松)antwortete mir gequält lächelnd auf meinen Hinwies, dass sie aufgrund der politischen Korrektheit und der Sicherheit für die Veröffentlichung durch den Herausgeber und den Verleger entstanden sind. Er widersprach seinem Gegenüber entschlossen und verlangte das Manuskript zurück. "Die Korrektur war deprimierend. Es waren viel zu viel solche Sprachfehler, die man nicht hundertprozentig beheben konnte" sagte er anschließend. Als Beispiel im Jahr 1927 "Am 25. Juli Wang Ching-wei(汪精衛)hatte während der 40. Tagung des politischen Ausschusses furchtbar wütend gesagt ... ..." Das Adjektiv "furchtbar wütend" wurde sehr dumm hinzugefügt.


Auf der einen Seite versucht die KP die Geschichte zu verbergen und zu fabrizieren, andererseits editiert sie aktiv die Schlussfolgerungen für ihre eigene Geschichte. Ein Beispiel sieht man auch in den historischen Resolutionen aus der Zeit des „Yan'an Reglementierens(延安整風)“ und aus dem Jahr 1981. In diesen beiden Dokumenten wurde versucht, nach den Willen der KP die Geschichte zu modellieren, zu monopolisieren, endgültig zu überprüfen und schließlich zweckgemäß zu einigen. Genau das zeigt nur, dass die KP den Mut nicht hat, sich ihrer eigenen Geschichte gegenüber zu stellen. Alle Fakten heute in China weisen darauf hin, dass der Sieger über seinen Sieg keine Zuversicht hat. Stalin zeigte großes Selbstbewusstsein auf der ersten Begegnung mit Mao Tse-tung (毛澤東)und sagte: „Die Geschichte wird nie den Gewinner verurteilen.“ Das bedeutet, dass die Geschichte nur von Siegern geschrieben werden soll. Ist das wahr? Es hat nicht sehr lange gedauert und es wurde fast die gesamte vom "Sieger" modellierte Geschichte gestürzt und umgeschrieben.


Der Bürgerkrieg, der unser Volk gegeißelt hat, verteilt Schuld auf beide Parteien. Der einzige Unterschied besteht nur darin, dass die Schuld durch die KMT Partei zu Zeiten der Chiang Ching-kuo(蔣經國)und Ma Ying-jeou(馬英九)gesehen wurde. Im Jahr 1987 beobachte Chiang Ching-kuo (蔣經國)die gegenwärtige Situation und kündigte das Ende des Kriegszustandes an. Das führte zum Aufstieg der DPP (Demokratisch Progressive Partei). 13 Jahre später nachdem die KMT-Partei das Presseverbot und das Parteiverbot aufgehoben hat, konnte die DPP durch die demokratischen Wahlen die KMT besiegen und an die Macht kommen. Die KMT ist von einer führenden zu einer Oppositionspartei geworden. So beschloss die KMT, einen Neuanfang zu gestalten und eine vollständige Transformation umzusetzen. Diese moderne Partei hat die Macht acht Jahre später wieder zurück erobert und ist heute die führende Partei der Regierung. Somit hat die KMT eine Wiedergeburt vollzogen.


In diesem Sinne, können Sie als ein Nachkomme der KMT-Veteranen stolz sein. Und ich, als ein Nachkomme der der KP-Veteranen, kann nur meinen Hut absetzen und Ihnen meinen Respekt zeigen.


Erinnern Sie sich noch an unserem Gespräch vor vier Jahren in jener verschneiten Nacht unten an der Großen Mauer? Ich sagte zu Ihnen, dass die heutige KMT die morgige KP sein sollte. Im 1949 besiegte die KP durch ungeheure Gewalt die Kuomintang. Wir könnten uns vorstellen, dass die KMT heute das demokratische Banner hoch hielte, die Taiwanstraße überquerte, mit ihren Truppen nach Norden einmarschierte, und gegen die KP in einer friedlichen Wahl kandidierte. Was für ein Ergebnis würde herauskommen? Sie müssten nur nach Nanjing gehen und es selber anschauen, als der KMT Vorsitzende Lien Chan(連戰)eine Hommage an das Sun Yat-sen Mausoleum leistete, kamen die Menschen spontan von überall her, um ihn herzlich willkommen zu heißen. Das außergewöhnliche Spektakel war offensichtlich die Antwort auf meine Frage.


Sie erwiderten: "Ma Ying-jeou(馬英九)übernahm die Schulden der KMT, um die Reue der Geschichte gegenüber zu beichten. Es ist ein wichtiges Symbol. Es ist aber kein isoliertes, einzigartiges oder unerwartetes Ereignis. Man sollte es als einen Wegweiser für die vielen Meilensteine zur Demokratie Taiwans betrachten. Seine tiefe Verbeugung zeigte nicht nur den inneren Wandel der KMT, vielmehr bedeutete sie die treibende Kraft der Demokratie in Taiwan, was wiederum ein Beweis einer qualitativ tiefen Veränderung in Taiwan als Ganzes ist. "


Wie wahr und ehrlich! Aber in was für einer sozialen Atmosphäre und auf welchem Weg sollte die Veränderung stattfinden, das ist ein großes Problem. Sie wissen es ja, dass die KP viel zu viele historische Schulden und Last hat. Die KP besitzt eine tiefe "Angst", dass sie liquidiert wird. In 1978 die gestartete Reform war in der Tat ein Geständnis und eine Schuldenrückzahlung. Man könnte es sogar als Selbst-Erlösung ansehen. Man wollte es nur nicht so nackt darstellen. Ich habe genügende Beweise dafür, dass Deng Xiaoping(鄧小平), Hu Yaobang(胡耀邦), Zhao Ziyang(趙紫陽), Wan Li(萬里)alle die Top-Reformer der chinesischen Kommunisten diese Mentalität vertraten. Dementsprechend hielt ich im letzten Jahr einen Vortrag im „Tian-ze Economic Research Institute Peking(北京天則經濟研究所)“. Dort habe ich deutlich erklärt, dass die "Nicht-Einhaltung der Versprechen (Revolution) - Gratifikation (Reform)(失諾/革命—救贖/改革)" eine historische Auslegung sowie die Grundsteine zur Erläuterung der Geschichte sind.


Faktenverkündung und Geschichtenliquidation sind unvermeidlich. Der Unterschied ist nur, sollte es sich um Gewalt oder Vernunft handeln. Gibt es einen Ausweg? Es sollte einen geben. Der Bericht über die förmliche Entschuldigung durch Ma Ying-jeou(馬英九)auf dem Platz Ma-cho-ting (馬場町) verrät ein kleines Detail: Auf der Ma-cho-ting-Gedenkstätte entschuldigte Ma Ying-jeou(馬英九) sich mit einer tiefen Verbeugung. Hunderte von älteren Menschen beugten sich leicht zurück als Gegenleistung. Diese "leichte Verbeugung als Gegenleistung" ist von großer Bedeutung. Ich denke, die älteren Menschen haben die Entschuldigung von Ma Ying-jeo dadurch gezeigt, dass die taiwanesische Gesellschaft dem "White Terror" gegenüber verziehen hat, und sich somit versöhnt hat.


Spätestens hier wird die Frage einem gegenüber gestellt: zwischen der Taiwanstraße, zwischen den beiden Parteien der KMT und KP, wer eigentlich der Verlierer und wer der Gewinner ist? Wenn man aus der Perspektive der sozialer Systeme oder der Beliebtheit der Parteien vergleicht, sind sie beide sowohl der Gewinner wie auch der Verlierer. Was heißt es? Im 1949 war der Gewinner die KP und die KMT war ein Verlierer. Im 2008 kehrte die KMT durch die Stimmzettel zurück an die Macht. Die KMT unterzog sich einer Transformation zu einer modernen politischen Partei. Die vollständige Umwandlung der Demokratisierung Taiwans wurde durch die KMT zu Ende gebracht. Zurückblickend auf die KP ist diese immer noch eine kommunistische Diktatur mit dem Ein-Partei-System geblieben. In diesem Sinne, wie können die chinesischen Kommunisten behaupten, dass sie der Sieger wären? Wenn man über die Geschichte spricht, meint man eigentlich immer einen langen Zeitraum und es geht immer um einen Prozess.


Doch ist das Festland viel komplexer als Taiwan. Die alten Schulden wurden noch nicht zurückerstattet, kamen wieder die neuen hinzu. Das 64- Tiananmen-Massaker ist ein großer Komplex. Um den Komplex zu lösen und eine blutige Abrechnung zu vermeiden, gibt es nach der langen Überlegung nur einen Weg: Der Weg der Vergebung und Versöhnung. Wie der Erzbischof Tutu sagte: "Es gibt keine Zukunft ohne Vergebung!". Pendelnd zwischen den Wahrheiten, Korrekturen, Sühnen, Reflexionen, Reuen, Vergebungen, Versöhnungen, würde man viele Vorbilder in Taiwan, in Südafrika und auch in den osteuropäischen Ländern finden.


Lu Xun(魯迅)sagte: "Leider ist China zu schwer änderbar. Wenn man einen Tisch verrücken oder einen Herd neu modellieren wollte, würde es fast Blut kosten. Und selbst mit dem Blut, könnte man nicht unbedingt die Dinge bewegen oder neu modellieren. Ohne Peitschenschläge auf dem Rücken, würden sich die Chinesen nicht freiwillig bewegen... ... " (Siehe "Nachdem Nara auszog(娜拉出走後怎樣)")


Unsere Nation hängt vom Glück ab. Ich hoffe, dass die Peitsche der Demokratie und des Friedens auf unseren Rücken geschlagen wird. Dies hängt nicht nur von der regierenden Partei ab, sondern auch von allen Ebenen der Gesellschaft und von jeder Person unter uns.


Allerdings kann ich sicher sagen, dass selbst unter den radikalsten liberalen Intellektuellen keiner einer gewaltsamen Gesellschaftumwandlung zustimmen würde. Mit Gewalt gegen die Gewalt würden wir alle darunter leiden. Nach dem 64-Tiananmen-Massaker ist das eine der größten Anliegen der Pekinger Intellektuellen: Wie man eine "Tiananmen Versöhnung" erzielen könnte. Wenn eine Versöhnung zum jüngsten Tiananmen-Massaker gelingen würde, könnten all die historischen Schulden einen Ausweg finden.


Dennoch sind die Ansichten der KP die entscheidende Voraussetzung für eine Versöhnung: Die chinesischen Kommunisten müssen das Gemeinwohl des Volkes und das nationale Wohlbefinden als das aller wichtigste Ziel für sich setzen und die Eigeninteressen der Partei überwinden. Die KP muss zurückkehren, was man auf dem 13. Volkskongress im Jahr 1987 beschloss, um die politische Reform fortzusetzen. Die KP muss zu der Zeit vor 63 Jahren zurückkehren, als die Verfassung im Jahr 1946 feststand. Das bedeutet ein Ende mit einer Partei, die über dem Militär, über dem Gesetz und über dem ganzen Volk steht. Das bedeutet auch ein Ende mit den "zwei Pfeile"-Regierungsdogmen, das Land durch das Gewehr und den Stift zu regieren. Nur so kann die KP China in eine demokratische Gesellschaft umwandeln. Nur so kann eine wahre Selbsterlösung der KP erfolgen. Die Entschuldigung, einschließlich des Jahrs 1949, gegenüber all den Bürgern innerhalb und außerhalb der KP, die seit Jahrzehnten unter der kommunistischen Revolution beleidigt und geschädigt worden sind, ist somit eine logische Sache.


Sind diese Wörter zu hart? Nachdem ich eine Rede in der Hong Kong Universität vor zwei Jahren gehalten hatte, sendeten Sie mir eine Nachricht später: "Vorsicht mit der Rede. Lebe wohl." Wenn man diese vorgetragene Rede mit den Mundtoten vergleicht, sind die Wörter sehr hart. Der historischen Wahrheit und dem historischen Trend gegenüber sind diese Wörter sehr leicht. Vorsichtig reden, aber nicht den Mund halten. Auch der Präsident Hu Jintao sagte es einmal im Ausland: „Jeder Mensch hat einen Mund. Ist es nicht so, damit man reden kann?“


Auf den Stil Ihres Buches "1949" zu kommen, behalte ich mir einige Meinungen vor. Über den Stil, die Schicklichkeit epischer Erzählungen und über die subjektive und objektive Rolle des Autors müsste ich eventuell einen gesonderten Artikel schreiben. Hierfür nehme ich mir ein paar Kleinigkeiten vor in Erwartung eines gegenseitigen Austauschs.


Das Buch "1949" hat den epischen Ton, die Struktur vom Buch "An Andreas" geerbt (zwischen der Mutter und dem Sohn). Die eigene Familiengeschichte objektiv darzustellen, hat die Vorteile, dass es sich freundlich und leichter lesen lässt. Man könnte leichter in einer subjektiven Form mit einer Geschichte beginnen .Der Nachteil ist die eindeutig subjektive Sicht und die literarischen Neigungen. Es fehlt der kalte Stil wie Sartre, Roland oder Barthes. Außerdem wird die Wissenschaftlichkeit der historischen Literatur geschwächt.


Darüber hinaus scheint es mir zu sein, dass Sie zu sehr über Taiwan erzählen wollten. Das Thema geht um 1949. Aber viele Ereignisse in 1945 werden im Buch erwähnt. Der Umfang zwischen 1945 und 1949 müsste auf zwei Büchern hinauslaufen. Sie haben aber nur eins geschrieben. Ich habe grob geschätzt, die historischen Ereignisse in 1945 beinhalten fast ein Drittel des Buches. Zwar erklärten Sie, dass ohne die Erzählung über 1945, würde das Jahr 1949 undeutlich bleiben. Es mag ja sein. Die Frage ist nur das Verhältnis. Das Buch umfasst hundert Tausende von Wörtern. Es ist zu schwach, wenn der wesentliche Inhalt nur zwei Drittel der Gewichtung in diesem Buch besitzt. Es bleibt auf jeden Fall ein Problem. Oder ist das Buch "1949" nur ein Anfang, es wird noch weitere Bücher entstehen?


Es schneit schon in Peking, es ist sehr kalt. Der Meereswind in Hong Kong bleibt wie immer warm, nicht wahr?


Yue Gang(躍剛)
4. November 2009


(Lu Yuegang (盧躍剛)ist ein Reporter der Zeitung "China Youth Daily", Schriftsteller für Literatur der Berichterstattung, einer der Gründer des Tian-ze-Instituts für Wirtschaftsforschung Peking) ■