2010-01-23

Die Rückkehr des Geistes von Fan Zhongyan

Mein höhster Respekt geht an den chinesischen Fan Zhongyan des 21. Jahrhunderts. Fan Zhongyan(† 1052) war ein Politiker und Schriftsteller der Song-Dynastie. Sein berühmtestes Werk ist das "Essay vom Yueyang-Turm" (岳陽樓記).

「寧鳴而死,不默而生」的范仲淹
不以物喜,不以己悲
居廟堂之高,則憂其民
處江湖之遠,則憂其君。
是進亦憂,退亦憂;
然則何時而樂耶?
其必曰:「先天下之憂而憂,後天下之樂而樂」

中文版Chinesische Version


Der in China zurzeit bekannteste Dissident Liu Xiaobo (geb. 28.12.1955 in der Stadt Changchun der Jilin Provinz) ist Schriftsteller und der ehemalige Vorsitzender des „ICPC Independent Chinese PEN Center“. Er war ursprünglich Professor an der Beijing Normal University (BNU). Er ist der Initiator des Charters 08.

Das Gericht von Peking hat ihn am 25.12.2009 wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" zu 11 Jahren verurteilt. Sein Wunsch, eine letzte Stellungnahme im Gericht abzugeben, wurde ihm nicht erlaubt.

Liu Xiaobo's Frau Liu Xia, hat den Text seiner letzten Stellungnahme über die Website des Senders Radio Free Asia zur Veröffentlichung gegeben.

Es folgt der Text dieses Artikels mit dem Titel
"Ich bin nicht der Feind - meine letzte Stellungnahme"
Liu Xiaobo (23. Dezember, 2009):

Mehr als die Hälfte meines Lebens ist bereits vergangen. Der Tag im Juni 1989 war ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben.

Ich war einer der ersten Studenten nach der Kulturrevolution. Von Bachelor- zum Master- und weiter zum Dr. -Abschluss war es für mich ein reibungsloser Studiengang. Nach dem Abschluss übte ich eine Lehrtätigkeit an der „Beijing Normal University“ aus. In den Lehnveranstaltungen war ich bei Studenten stets willkommen. Gleichzeitig war ich auch ein öffentlicher Intellektueller. In 80er Jahren des letzten Jahrhunderts habe ich einige beliebte Artikel und Bücher veröffentlicht, war oft eingeladen, Vorträge zu halten. Außerdem wurde ich als Gelehrter in Forschungsprojekten von den europäischen und amerikanischen Ländern eingeladen. Ich stelle mir selbst gegenüber stets die Anforderung: ob es sich um den Mensch oder die Schriften handelt, sind die Ehrlichkeit, das Verantwortungsbewusstsein und die Menschenwürde die Grundsteine für mich. Danach bin ich aufgrund der 89er Bewegung von den Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Ich wurde wegen der Straftaten „konterrevolutionären Propaganda und Anstiftung“ ins Gefängnis geschickt und habe meine leidenschaftliche Lehrtätigkeit verloren, somit durfte ich auch nicht mehr in meinem Land Artikel veröffentlichen und Vorträge halten. Bloß weil man andere politische Ansichten äußerte und an einer friedlichen und demokratischen Bewegung teilgenommen hatte, verlor ein Lehrer das Podium, ein Schriftsteller die Veröffentlichungsfreiheit, ein öffentlicher Intellektueller die Redenfreiheit in der Öffentlichkeit. Es ist eine traurige Sache nicht nur für mich als eine individuelle Person, vielmehr für das Land China, das seit über 30 Jahren nach Reform und Öffnung strebt.

Die dramatischsten Erlebnisse für mich nach dem „64“ waren die Erfahrungen mit dem Gerichtshof: Zweimal hatte ich die Gelegenheit in der Öffentlichkeit zu sprechen, diese Möglichkeiten hatte mir der „Pekinger Intermediate Court“ angeboten, einmal ist es jetzt und das andere Mal war im Januar 1991. Obwohl die angeklagten Straftaten unterschiedlich klingen, sind aber im Wesentlichen die gleichen betroffen.

Zwanzig Jahre später nach „64“ können die damals unschuldigen Toten bis heute nicht in Frieden ruhen, mit diesem „64-Komplex“ bin ich ein Andersdenkender geworden. Unmittelbar nach der Freilassung aus dem Qincheng Gefängnis im Jahr 1991 verlor ich das Recht, in der Öffentlichkeit meines Landes Reden zu halten. Meine Stimme kann nur über die auswärtigen Medien gehört werden. Ich stehe seit vielen Jahren unter Überwachung und Hausarrest (05/1995 – 01/1996). Ich wurde zum Umerziehungscamp geschickt(10/1996 – 10/1999). Jetzt werde ich wieder vom Regime zur Beklagtenbank geschickt. Trotzdem will ich diesem Regime sagen, das mir meine Freiheit beraubt hat: Ich stehe zu allen Aussagen, die in der „Hungerstreikserklärung vom 2.6.1989“ stehen. Ich habe weder Feinde noch Hass. All die Polizisten, die mich überwachten, inhaftierten, verhörten, die Staatsanwälte, die mich verfolgten und die Richter, die mich verurteilten, sind alle nicht meine Feinde. Obwohl ich Eure Überwachung, Festnahme, Verfolgerung und die Verurteilung nicht akzeptiere, respektiere ich Euren Beruf und Eure Persönlichkeiten, inklusive den zwei Staatsanwälten, Zhang Rongge und Pan Xueqing, die auf der Anklagebank saßen. Während der Verhöre durch Euch waren Aufrichtigkeit und der Respekt Eurerseits deutlich spürbar.

Der Hass frisst die Intelligenz und das Gewissen eines Menschen auf. Feste Feindbilder vergiften den Geist einer Nation. Die brutalen Kämpfe bis zum Leben und Tod werden dadurch aufgestachelt, die Toleranz und die Menschlichkeit einer Gesellschaft werden dadurch ruiniert und der Prozess zur Freiheit und Demokratie für ein Land kommt dadurch ins Stolpern. Deshalb wünsche ich, das persönliche Leid zu überwinden und betrachte es als Entwicklung unseres Landes und die Veränderung unserer Gesellschaft. Ich biete dem Regime die höchste Gutmütigkeit an, um den Hass durch die Liebe zu entschärfen.

Wir alle wissen, dass die Reform und Öffnung dem Land die Entwicklung und den sozialen Wandel gebracht haben. Aus meiner Sicht begann die Reform und Öffnung mit dem Verzicht auf die alte Politik: „der Klassenkampf als das herrschende Prinzip während der Mao-Ära“. Im Gegenzug hatten sich die Politiker für die wirtschaftliche Entwicklung und soziale Harmonie verpflichtet. Der Prozess des Verzichts auf "Kampf Philosophie" soll allmählich zur Entschärfung des „festen Feindbildes“ und zur Beseitigung des Hasses führen. Es ist ein Prozess, das Tierische in den Menschen zu verdrängen. Es ist dieser Prozess, der für die Reform und Öffnung eine entspannte Umgebung zu Hause und im Ausland geschaffen hat und bietet einen menschlichen Boden für das Regenerieren der gegenseitigen Liebe unter den Menschen und für ein friedliches Zusammenleben mit verschiedenen Werten und Interessen. So kann der Anreiz entstehen, der der menschlichen Natur entspricht. Dieser Anreiz fördert die Kreativität und regeneriert gleichzeitig die Liebe für die Mitmenschen. Wir können sagen, dass der Verzicht auf "anti-imperialistische/anti-Revisionisten" nach Außen, und der Verzicht auf "Klassenkampf" nach Innen die Grundsätze sind, die Chinas Reform und Öffnung bis heute tragfähig machen. Die Wirtschaft wird auf den Markt gelenkt, die Kultur wird zu einer Vielfalt gestaltet, die Form eines Rechtsstaats wird institutionalisiert. Wir werden alle durch die Befreiung vom alten Feindbild profitieren. Selbst die politische Arena, wo die Fortschritte am langsamsten sind, zeigt mehr und mehr Toleranz für die Vielfalt der Gesellschaft und eine reduzierte Verfolgerung gegenüber den Dissidenten. Die 89er Bewegung wurde von „Unruhe“ zum „politischen Sturm“ umbenannt. Die Befreiung vom Feindbild führt dazu, dass das Regime die allgemein gültigen Menschenrechte akzeptiert. Im Jahr 1998 hat sich die chinesische Regierung zur Unterzeichnung der zwei Internationalen Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen verpflichtet. Damit erkennt China die allgemeinen Menschenrechte an. Im Jahr 2004 änderte der Nationale Volkskongress die Verfassung und es steht geschrieben: "Der Staat respektiert und schützt die Menschenrechte". Das bedeutet, dass die Menschenrechte eines der grundlegenden Prinzipien des Rechtsstaats China sind. In der Zwischenzeit, wurden die Grundsätze „people-oriented“ und „harmonic society“ von dem jetzigen Regime betont. Das zeigt den Forschritt der politischen Ziele der chinesischen Kommunistischen Partei.

Diese Fortschritte waren deutlich spürbar durch meine eigenen Erfahrungen seit der Verhaftung.

Obgleich ich darauf bestand, dass ich keinen Schuld trug und alle Anschuldigungen gegen mich verfassungswidrig waren, erlebte ich während der mehr als einjährigen Inhaftierung zwei Haftanstalten, vier Polizisten bei den Ermittlungsverfahren, drei Staatsanwälte, zwei Richter. Es gab keine Respektlosigkeit und keine Folter. Ihr Handeln war stets friedlich, vernünftig, und oft gutmütig. Am 23. Juni wurde ich aus der Überwachungszelle an das Beijing Municipal Public Security Bureau Detention Center Nr. 1 übergeben, das als "Beikan" bezeichnet wird. In den sechs Monaten bei „Beikan“ habe ich die Verbesserung bezüglich der Überwachungstechniken feststellen können.

Im Jahr 1996 saß ich in der alten „Beikan“ in Gefangenschaft, im Vergleich dazu hat sich der heutige „Beikan“ sowohl in den Bauten wie auch bzgl. des Managements deutlich verbessert. Vor allem führt der heutige „Beikan“ ein menschliches „Soft Management“. Was die Achtung der Rechte und der Menschwürde der Gefangenen in der Untersuchungshaft anbelangt, ist es im Verhalten des Überwachungspersonals spürbar. Es gibt „Warm Radio“, „Reue Magazin“, Musik vor der Mahlzeit oder vor dem Aufstehen und dem Schlafgehen, so dass die Häftlinge die Würde und Wärme fühlen können. Dies schafft ein Ordnungs- und „anti-bully-Bewusstsein“ bei den Häftlingen. Den Häftlingen wird ein menschlicher Lebensraum zur Verfügung gestellt und gleichzeitig verbessert sich die Psyche der Häftlinge während eines Gerichtsverfahrens. Ich hatte engen Kontakt zu einem Betreuer Liu Zheng. Seine Achtung und Fürsorge für die Häftlinge verkörpert sich in jedem Detail seiner Betreuung während den disziplinarischen Stunden. Man spürt die Wärme. Ich betrachte es als ein Glück, den aufrichtigen, ehrlichen, zuverlässigen und warmherzigen Betreuer Liu Zheng hier kennengelernt zu haben.

Aufgrund der persönlichen Erfahrungen glaube ich fest daran, dass China die politischen Fortschritte weiter fortsetzen wird. Ich freue mich auf ein freies China und bin in den optimistischen Erwartungen, weil keine Kraft gegen das natürliche Bedürfnis der Menschheit nach Freiheit widerstehen kann. Schließlich wird China ein Rechtsstaat sein, in dem die Menschenrechte allen anderen Werten überlegen sind. Ich freue mich auch darauf, dass sich diese Fortschritte auch in diesem Gerichtverfahren zeigen. Ebenfalls freue ich mich auf ein fairen Urteil, welcher der Prüfung der Geschichte standhalten kann.

Wenn ich verraten sollte, was die glücklichste Erfahrung in den zwei Jahrzehnten für mich ist, dann ist es das Glück, die selbstlose Liebe von meiner Frau, Liu Xia zu bekommen. Heute wird meine Frau nicht im Gerichtssaal zugelassen, jedoch möchte ich ihr sagen: „meine Liebe, ich bin zuversichtlich, dass Deine Liebe für immer und ewig sein wird. In den vielen Jahren meines Lebens ohne Freiheit ist unsere Liebe durch die äußere Umgebung gefüllt mit voller Bitterkeit, an die ich aber immer wieder gerne denke. Ich bin in einem sichtbaren Gefängnis inhaftiert und Du wartest in einem unsichtbaren Gefängnis in Deinem Herzen. Deine Liebe strahlt über die hohen Mauern und durch die Gitterstäbe und berührte jeden Zentimeter meiner Haut und erwärmt jede Zelle meines Körpers wie das Sonnenlicht. So kann ich den innerlichen Frieden, den Großmut und den Optimismus immer aufrechterhalten. So erhält jede Minute im Gefängnis eine tiefe Bedeutung. Die Liebe zu Dir ist voller Schuld und Reue, so dass sie meine Schritte manchmal stark erschwert. Ich bin ein harter Stein in der Wildernis, werde vom heftigen Sturm gepeitscht, der so kalt ist, dass es keiner wagt, zu berühren. Aber meine Liebe ist hart und scharf, und sie kann alle Hindernisse durchdringen. Selbst wenn ich zu Pulver zerrieben würde, so würde ich dich mit der Asche umarmen.

Meine liebe Frau, mit Deiner Liebe, könnte ich großmütig vor dem bevorstehenden Gerichtsurteil stehen, keine Reue über die eigene Wahl und mit Freude auf Morgen. Ich freue mich darauf, dass sich mein Land zu einem redefreien Land umwandeln wird, wo die Rede jedes Bürgers gleichermaßen behandelt wird. In diesem Land befinden sich die verschiedenen Werte, Gedanken, Überzeugungen und die politischen Meinungen sowohl in Konkurrenz wie auch Koexistenz. Auch hier werden die Meinungen der Mehrheit und Minderheiten gleichermaßen Rechtschutz genießen. Insbesondere werden die politischen Ansichten, die sich von denen an der Macht unterscheiden, in vollem Umfang respektiert und geschützt. Hier werden alle politischen Ansichten transparent und stehen den Bürgern zur Verfügung. Alle Bürger können ihre politischen Ansichten ohne Angst ausdrücken. Keiner wird aufgrund der Veröffentlichung der politischen Meinung unter politische Verfolgung gestellt. Ich hoffe, dass ich in China das letzte Opfer sein werde, das wegen seinen politischen Schriften ins Gefängnis muss. Es wird danach kein Opfer mehr geben.

Die Freiheit der Meinungsäußerung ist die Grundlage der Menschenrechte, die Natur der Menschen und die Mutter der Wahrheit. Das Verbot der Meinungsfreiheit ist eine Menschenrechtsverletzung, erstickt die Menschlichkeit und unterdrückt die Wahrheit.

Um das durch unsere Verfassung geschützte Recht auf Meinungsfreiheit zu realisieren, komme ich der sozialen Verantwortung eines chinesischen Staatsangehörigen nach. All das, was ich getan habe, erweist keine Schuld. Auch wenn dies mich zum Angeklagten macht, erhebe ich keine Beschwerden.

Danke!

Liu Xiaobo (23. Dezember 2009)